Inklusion in Deutschland

Das Bild zeigt zwei Schüler, die vor einem Buch sitzen und lesen. Einer der beiden blättert gleich um. Links neben ihnen steht ein Globus. Rechts neben ihnen weitere Bücher wie in einem Regal.

Eher zufällig habe ich eine Dokumentation von Radio Bremen in der ARD Mediathek gefunden. Wo ich darauf gestoßen bin, weiß ich schon gar nicht mehr genau. Auf jeden Fall bin ich an dem Titel „Das Märchen von der Inklusion“ hängen geblieben. Jetzt war ich neugierig und habe mir die Reportage gestern Abend angeschaut.

2009, also vor zehn Jahren, hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) unterschrieben und sich damit verpflichtet, sie in nationales Recht zu überführen und umzusetzen. Nicht, zu überlegen, ob man eventuell, vielleicht, unter Umständen, etwas davon macht – nein, die Konvention so und vollumfänglich umzusetzen. Das Resümee der Reportage ist, dass sich auch nach zehn Jahren nicht viel getan hat. Es gibt sie, die positiven Beispiele, aber sie sind selten. So zeigt die Reportage Amelie Gerdes, die in Bremen zur Schule geht. Amelie Gerdes hat das Down-Syndrom, geht aber wie fast alle Kinder in Bremen mit einer Behinderung in eine normale Regelschule. Und das scheint in Bremen gut zu funktionieren.

Das kleinste Bundesland in Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention am konsequentesten umgesetzt. Von 18 sogenannten Sonderschulen gibt es nur noch vier

Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz sind dagegen die Schlusslichter, hier wurden in den letzten Jahren sogar eher Rückschritte gemacht. Letztlich ist unser Schulsystem überaltert, setzt konsequent auf Separation und steht damit im krassen Gegensatz zur Inklusion. Vor 200 Jahren wurde nach preußischem Vorbild lediglich militärisches Disziplin und Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt. Mehr war damals nicht notwendig. Oder wurde nicht als notwendig erachtet. Unser Schulsystem mit den wesentlichen Elementen Frontalunterricht und Wissensvermittlung ist nach wie vor in diesem Geiste präsent.

Der Reportage zufolge werden Menschen mit einer Behinderung nach der Schule noch in der Regeln in Werkstätten für Behinderte (WfB) untergebracht. Man könnte auch abgeschoben sagen. Für den ein oder anderen mag so eine Werkstatt auch das richtige sein, das mag ich eigentlich gar nicht in Frage stellen.Ich denke aber schon, dass bei der Mehrzahl gar nicht erst ernsthaft über Alternativen nachgedacht wird. Der eigentliche Sinn und Zweck der Werkstätten ist es, eine Zwischenstation zu sein. Auf den normalen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Trainieren. Lernen. Die Vermittlungsquote ist der Reportage nach aber noch nicht einmal 1%. Das finde ich beschämend. Hinzu kommt, dass der durchschnittliche Verdienst in den Werkstätten bei gerade mal 180 € im Monat liegt.

Ein konkretes Beispiel im Film zeigt, dass Lukas Hinz gerade mal 67 € im Monat verdient. Für eine reguläre Arbeit, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht anders ausgeführt werden würde. Er wäscht und reinigt Polizeifahrzeuge. Das macht er gut. Ich finde es auch an sich gut, dass öffentliche Stellen Aufträge an solche Einrichtungen vergeben. Aber ich kritisiere sehr deutlich, dass hier für eine reguläre, qualitativ gute Arbeit nicht das gleiche bezahlt wird, wie bei einem beliebigen Anbieter auf dem ersten Arbeitsmarkt bezahlt werden müsste. Ein erster Schritt für mich wäre hier die konsequente Anwendung des Mindestlohns, zumindest bei Menschen wie Lukas Hinz.

Insgesamt finde ich die Reportage sehr gut, sehr gelungen. Ich empfehle wirklich sie anzuschauen. In der ARD-Mediathek ist sie bis 20.01.2020 verfügbar: ARD-Mediathek: Das Märchen von der Inklusion

Mir bleibt an dieser Stelle vor allem den Protagonist*innen der Reportage – Amelie Gerdes, Lukas Hinz und allen anderen – für ihre Zukunft alles Gute zu wünschen.

Inklusion in Deutschland. Es geht nicht mehr um das ob, sondern nur noch um das wie. Und Kosten dürfen keine Ausrede mehr sein.

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/users/white77-185772/

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