Barrierefreiheit für Ektodermale Dysplasie ?

Die „Seltenen“ sind in der Bevölkerung, Wirtschaft und Politik zum Teil weitgehend unbekannt und führen teilweise ein Schattendasein, so auch die Ektodermale Dysplasie (ED). Es ist in den letzten Jahren zwar besser geworden, geholfen ist damit aber noch lange nicht allen. Selbsthilfegruppen wie diese (Selbsthilfegruppe Ektodermale Dysplasie e.V.) tragen zwar enorm dazu bei, dass sich Betroffene unter einander helfen und unterstützen können und sich Mut machen. Sie haben auch ab und zu die Chance Politik und Gesellschaft aktiv zu beeinflussen. Letztendlich müssen aber von „offizieller Seite“ noch mehr Impulse und Ideen kommen, damit wir alle in und mit unserer Welt besser zurechtkommen; und den Willen, dies auch zu tun.

Die »UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen«, die am 21. Dezember 2008 zum entsprechenden deutschen Bundesgesetz führten, machen einen Anfang, indem sie den »vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch Menschen mit Behinderungen« fordern und laut Artikel 1 sogar gewährleisten. Soweit die gut gemeinte Theorie auf dem Papier. Die Praxis sieht leider häufig immer noch anders aus. Trotz guter Ansätze, zu viele Ausnahmen und Hintertüren verhindern viel, das helfen würde. Meistens mit der Ausrede der schlechteren Wirtschaftlichkeit oder Mehrkosten, genauer betrachtet jedoch oft eher aufgrund nicht genügend guter Planungen oder schlichtem Unwillen sich mit der Thematik ernsthaft auseinander zu setzen.

DIN Vorschriften zum Barrierefreien Bauen gibt es eigentlich schon lange. Im Oktober 2010 ist die DIN EN 18040-1 (Barrierefreies Bauen, Teil 1: Öffentlich zugängliche Gebäude) erschienen. Sie ersetzt die 1996 erschienene Vorgänger DIN, die wiederum die entsprechende Vorgänger DIN aus 1974 ersetzte. Demnach sollte es also eigentlich seit 1974 keine großen Probleme für Menschen mit Einschränkungen geben. Der Teil 2 der DIN EN 18040 (DIN EN 18040-2, Wohnungen) ist aktuell jetzt im September 2011 erschienen. Da in Deutschland jedoch Baurecht Landesrecht ist, müssen die jeweiligen DIN Vorschriften in Landesrecht, in diesem Fall in die Landesbauordnungen, eingehen. Das ist jedoch uneinheitlich und noch nicht in jedem Bundesland geschehen. Bis dahin gelten die seitherigen Vorgängerversionen weiter. Zudem kann leider immer noch in vielen Fällen relativ (zu) leicht von der Verpflichtung barrierefrei zu bauen abgewichen werden. Für den öffentlichen Raum bzw. Freiraum und Verkehrsraum ist eine eigene DIN (18040-3) geplant, die derzeit aufgestellt wird.

Resignieren und schwarzmalen wäre jedoch an dieser Stelle auch falsch. Die neue DIN enthält viele weitreichende Änderungen und Verbesserungen. Beispielsweise sind jetzt neben den „üblichen“ Behinderungen auch explizit Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Kinder oder Personen mit Kinderwagen oder Gepäck aufgeführt, für die diese Normen die Nutzung von Gebäuden oder allgemein der Umwelt erleichtern soll. Auch ist die neue Norm hinsichtlich der einzelnen Maßnahmen freier, sie gibt zunächst sogenannte „Schutzziele“ vor. Es wird also ein Ziel definiert (z.B. »Zugangs- und Eingangsbereiche müssen leicht auffindbar und barrierefrei erreichbar sein.«) und definiert was hier jeweils barrierefrei ist (z.B. »Die barrierefreie Erreichbarkeit ist gegeben, wenn… 1. alle Haupteingänge stufen- und schwellenlos erreichbar sind… «). Wie dieses Ziel erreicht wird, ist nicht immer starr vorgeschrieben. Diese Art eine Norm zu aufzustellen gibt Freiheit für Gestaltung und Kreativität. Das führt in Zukunft hoffentlich viel häufiger zu pfiffigen und schönen Lösungen, so dass Barrierefreiheit nicht mehr als „notwendiges Übel“ oder „Einrichtungen mit Krankenhauscharakter“ in den Köpfen herumgeistert.

Speziell für uns ed-ler werden in der Norm keine besonderen Schutzziele berücksichtigt. Eine Norm kann objektiv betrachtet den laut Wikipedia 5.000 bis 8.000 verschiedenen in Deutschland vorkommenden seltenen Krankheiten nicht erschöpfend gerecht werden. Dennoch folgt die DIN zur Barrierefreiheit dem Grundsatz, dass es das Ziel der Norm ist »… durch die barrierefreie Gestaltung des gebauten Lebensraumes weitgehend allen Menschen seine Benutzung in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zu ermöglichen. « Auf den ersten Blick ist also die DIN zum Barrierefreien Bauen für ed-ler wertlos. Wenn auch nur teilweise, so helfen manche Maßnahmen für andere Barrieren wenigstens etwas auch uns. Beispielsweise den Aufzug zu benutzen statt mehrere Stockwerke Treppen laufen müssen. Ein anderer auch für uns nützlicher Vorschlag wäre, öffentliche Parkplätze so zu gestalten, dass (zumindest einige, am besten aber alle) der Stellplätze beschattet sind. Ebenso, dass die Fußwege vom Parkplatz zu den „Nutzungen“ (z.B. Kaufhaus, Ämter, Freizeiteinrichtungen, Buswartehäuschen, etc.) möglichst im Schatten sind. Gestaltungsmöglichkeiten gäbe es oft viele, die sowieso eingesetzt werden (z.B. Bäume im öffentlichen Raum). Oft müssten sie nur (und könnten) sinnvoller angewendet werden (z.B. die richtige/andere Baumart an der richtigen/anderen Stelle).

Es liegt nun stark am Willen der „Entscheider“, den Projekt-Verantwortlichen, Investoren und der Politik diese Ziele auch ernst zu nehmen und umzusetzen. Es liegt aber auch an jedem Einzelnen von uns, die Erfüllung einzufordern. Bei öffentlichen Projekten besteht in der Regel die Möglichkeit Planungen vor der Umsetzung einzusehen – Bürgerbeteiligung ist dieser Tage ja in aller Munde. 

© 2011 – Thomas Bantzhaff

Veröffentlicht in der Mitgliederzeitschrift „edi“ der Selbsthilfegruppe Ektodermale Dyspepsie e.V. – Dezember 2011 – Ausgabe 14


Mehr Informationen zu der Seltenen Krankheit Ektodermale Dysplasie (ED) erhalten Sie hier: www.ektodermale-dysplasie.de

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