9. ÖPNV Innovationskongress in Freiburg

Wie werden wir in Zukunft mobil sein? – Mobilität 4.0

Zum neunten Mal hat die Landesregierung Baden-Württemberg zum ÖPNV Innovationskongress nach Freiburg geladen. An drei Tagen tauschten sich Experten, Betreiber, Verwaltung und Interessierte über die Mobilität der Zukunft aus. Dabei stand der Donnerstag mit einer umfangreichen Vortragsreihe im zentralen Fokus des Kongresses. Zu den Themenfeldern Kundenorientierung, Betrieb und Verkehrsplanung, Technologie, Marketing und Tarife sowie Umwelt boten über 20 Referenten*innen spannende Beispiele und einen angeregten Austausch. 

Meinem Empfinden nach standen in allen Themenfeldern vor allem die Fragen im Raum, was möchten die Nutzer*innen überhaupt, wie wird Mobilität heute überhaupt definiert und wie schaffen wir es, mehr Menschen vom ÖPNV zu überzeugen

Bei insgesamt 20 verschiedenen und jeweils fünf parallel stattfindenden Vorträgen am Donnerstag Nachmittag viel mir die Auswahl teilweise wirklich nicht leicht. Das zeigt mir aber auch, wie stark uns alle das Thema Mobilität im wahrsten Sinne des Wortes bewegt und interessiert. Sei es, wie dünn besiedelte Regionen besser erschlossen werden können, wie der öffentliche Nahverkehr noch mehr an der individuellen Nachfrage orientiert werden kann, oder welche Rolle selbstfahrende Fahrzeuge spielen werden und welche Antriebsarten sie haben werden.

Von den meisten Teilnehmer*innen nicht in Frage gestellt wurde, dass wir eine Verkehrswende brauchen. Nicht nur aus umweltgründen. Schon alleine die schiere Masse an individuellen Fahrzeugen für die Möglichkeit gleichzeitig von A nach B zu kommen ist und wird immer mehr zum Problem. Mag das im ländlichen Raum vielleicht noch keine Rolle zu spielen, muss dennoch überlegt werden, wie auf begrenztem Raum und mit begrenzten Ressourcen immer mehr Menschen zur gleichen Zeit mit vertretbarem Zeitaufwand und zu einem vertretbaren Preis von A nach B kommen.  

Dabei wird es auch immer wichtiger, nicht nur von Bahnhof zu Bahnhof oder von Bushaltestelle zu Bushaltestelle zu denken, sondern die ganze Mobilitätskette – von Haustür zu Haustür – im Blick zu haben. Ebenso wichtig ist es, die Nutzer*innen besser im Fokus zu haben. Es nützt nichts einen Bus oder eine Straßenbahn zu haben, sie muß attraktiv sein, preiswert sein, pünktlich sein und vor allem, barrierefrei von allen nutzbar. Was ich schade finde ist, dass bei fast allen Projekten, Tests und Pilotphasen Barrierefreiheit keine Rolle zu spielen scheint. 

Nun, auf den ersten Blick muss das vielleicht auch noch nicht sein, wenn Entwickler erst mal testen möchten, ob ein autonom fahrendes Fahrzeug überhaupt sicher und alleine von A nach B kommt. Ist es dann fertig entwickelt und marktreif, stellt man aber oft fest, dass man zwar ein cooles Gefährt geschaffen hat, das technisch auch wirklich toll ist, aber beispielsweise von einem Rollstuhlfahrer oder von blinden Menschen gar nicht benutzt werden kann. Leider ist dann aber schon so viel Geld in die Entwicklung und in das Design geflossen, dass jetzt – hinterher – nicht mehr nachgebessert wird. Dem Rollifahrer wird schon irgendjemand beim einsteigen helfen. Hmmm, nur wer, wenn das Fahrzeug keinen Fahrer mehr hat? Deshalb mein Apell an alle Entwickler, Erfinder und Start-up’s: Barrierefreiheit ist essentiell. Wenn Eure Produkte oder Dienstleistungen nicht von allen nutzbar sind, sind sie – leider – schlecht. Deshalb bitte von der ersten Idee an auch daran denken, dass wirklich alle das künftige Produkt auch nutzen können. 

Bestandteil des Innovationskongresses ist auch die Vergabe des ÖPNV Innovationspreises. Unter dem Motto „Innovative Ideen für eine zukunftsweisende öffentliche Mobilität“ vergibt das Land Baden-Württemberg Innovationspreise in den Kategorien Barrierefreiheit, Betrieb und Verkehrsplanung, Umwelt und Nachhaltigkeit sowie einen Sonderpreis.

In der Kategorie Barrierefreiheit ging der Innovationspreis an das Projekt „Standard 22“ des Zweckverband Regio-Nahverkehr Freiburg, des Regio-Verkehrsverbund Freiburg und der kobra Nahverkehrsservice GmbH. Das Projekt 22 steht für die systematische Vorbereitung von barrierefreiem Haltestellenausbau, zusammen mit den Verbänden der Betroffenen, um bis 2022 einen barrierefreien Nahverkehr anbieten zu können.

In der Kategorie Umwelt und Nachhaltigkeit wird das Projekt „Einfach mobil“ der Stadt Offenburg ausgezeichnet. Das Nahmobilitätskonzept „Einfach mobil“ bündelt die Angebote des öffentlichen Nahverkehr: Elektrisch angetriebene Carsharing-Fahrzeuge, Fahrräder, Pedelecs sowie die Mobilitätsstaionen als Verknüpfungspunkte für die Angebote.

In der Kategorie Betrieb und Verkehrsplanung hat das Projekt „RufTaxi“ der Verkehrsgesellschaft Main-Tauber das Rennen gemacht. Das RufTaxi ergänzt das ÖPNV Angebot zu Zeiten, in denen der ÖPNV im sehr dünn besiedelten Main-Tauber-Kreis nur äußerst schwach nachgefragt wird. So werden die Unter- und Mittelzentren für die Menschen auch in für den ÖPNV schwierigen Tageszeiten wieder erreichbar.

Der Sonderpreis ging dieses Jahr an die Stadt Pfullendorf und den Verkehrsverbund Bodensee-Oberschwaben für die Wiederbelebung der „Räuberbahn“, die zunächst touristisch ausgerichtet ist, künftig aber auch möglichst im regulären ÖPNV eine Rolle spielen soll. 

Der Kongress endete mit einem Vortrag des Zukunftsforschers Lars Thomsen.
Wo stehen wir in 30 Jahren? Was kommt nach der Digitalisierung? Lars Thomsen sieht die Digitalisierung nicht erst kommen. „Wir haben seit 30 Jahren Digitalisierung“, sagt Thomsen mit Blick auf die CD im Musik-Business. Aber was kommt danach? Maschinen und Geräte werden intelligent werden, so Thomsen. „Das ist nicht Digitalisierung, das ist die KI, die künstlicher Intelligenz. Maschinen und Geräte werden lernen können und Muster erkennen, und aufgrund unserer Wünsche und Vorlieben passende Angebote machen“. Von extremer Wichtigkeit sei jedoch, dass die (Automobil-)Industrie endlich erkennt, dass die Zukunft kommen wird und nicht fragt, ob Mercedes, BMW, Audi & Co. die Fahrzeuge der Zukunft baut, oder Tesla oder Google, oder ein Hersteller den wir heute vielleicht noch gar nicht kennen. Dabei ist der Diesel schon lange keine „Übergangstechnologie“ mehr, erzählt Thomsen. Die Übergangstechnologie ist mittlerweile die Batterie. Das sollten die Autobauer ganz dringend erkennen und bei der Batteriezellenforschung und –produktion deutlich durchstarten. Sonst werden bald nur noch amerikanische oder chinesische Busse im ÖPNV fahren, denn im Jahr 2030 wird kein Diesel-Bus mehr in einer Stadt unterwegs sein, das will schon die Gesellschaft nicht mehr, sagt Thomsen.

Wenn ein Trend offensichtlich wird, bist Du zu spät.

(Elon Musk)

Für mich war der 9. ÖPNV Innovationskongress inspirierend und anregend. Ich freue mich deshalb schon auf 2021 und den 10. Innovationskongress in Freiburg.

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